Schiedsrichterlegende „Poldi“ leitet sein 4,000. Spiel

Zu seinem 65. Geburtstag hatte er angekündigt, dass er mit 70 die Pfeife endgültig an den Nagel hängen will. Inzwischen ist der Schiedsrichter 84 – und er amtiert immer noch. Ein rastloser Referee.

Wenn in Fußballerkreisen der Region von „Poldi“ die Rede ist, denkt keiner an Lukas Podolski oder an die Dinosaurier-Sympathiefigur der sächsischen Polizei. Unter diesem Spitznamen ist nämlich hier Kurt Müller bekannt. Und zwar schon seit Jahrzehnten.

Der ehemalige Gabelstapler-Reparaturschlosser im VEB Sachsenring jagte in jüngeren Jahren selbst dem runden Leder nach. Sein erstes Spiel als Schiedsrichter leitete er am 18. Oktober 1964 auf dem Bürgerschachtplatz (BSG Motor gegen Motor II 3:1). Damals hätte es sich Kurt Müller gewiss nicht träumen lassen, dass er fast fünfeinhalb Jahrzehnte später immer noch als Unparteiischer tätig sein würde. Einst für den BSV Turbine, dann in Diensten des DFC Westsachsen Zwickau, und nun schon seit längerer Zeit als Mitglied der SG Friedrichsgrün.

Sein Arbeitsnachweis füllt mehrere Schuhkartons, die er daheim in der Garage aufbewahrt. Akribisch ist alles auf Karten festgehalten. Am vergangenen Sonntag beging der Weißenborner ein besonderes Jubiläum, das ihm so schnell keiner nachmacht: sein 4000. Spiel als Referee. Bei der Partie der 2. Kreisklasse zwischen dem SV 1861 Kirchberg II und dem FC Sachsen Steinpleis-Werdau III (4:3) kam er mit einer Verwarnung aus. „Es war ein schönes Spiel für die Zuschauer. Wunderbar!“ schwärmt „Poldi“ Müller. „Ich hätte nicht gedacht, dass die Werdauer so stark sind. Die hätten einen Punkt verdient gehabt.“

Mitunter braucht er eine Viertelstunde, ehe er die Akteure auf dem Platz im Griff hat. Manche nehmen den älteren Referee zunächst nicht für voll, versuchen, Katz und Maus mit ihm zu spielen. Doch er verschafft sich Respekt – mit freundlichem, aber bestimmtem Auftreten. Immer korrekt. Manchmal auch mit augenzwinkerndem Humor. Beispielsweise, wenn er bei einer Entscheidung, die angezweifelt wird, mit den Händen das Zeichen zum Videobeweis andeutet.

Gern erinnert er sich an die Zwickauer Zweitligazeiten, als er mit Alois Glaubitz für die Betreuung von Schiedsrichter Herbert Fandel zuständig war und ihm einen baldigen Aufstieg in 1. Bundesliga prophezeite, der auch prompt folgen sollte. Der frühere Fifa-Referee (54), der heute die Musikschule des Eifelkreises Bitburg-Prüm leitet, kann sich nicht mehr genau an die Begegnung erinnern, findet die Leistung des 84-Jährigen aber beeindruckend. „Das ist schon etwas ganz Besonderes“, meint Herbert Fandel anerkennend. Das langjährige Engagement von „Poldi“ ist mit der Ehrennadel des Sächsischen Fußball-Verbandes in Gold, als Vorbildlicher Schiedsrichter (1988) und als Sachsens „Schiedsrichter des Jahres“ in der Kategorie Oldie (2011) gewürdigt worden. Wenn er mal nicht mehr pfeifen kann, will er gern als Schiedsrichter-Beobachter weitermachen. Noch ist der Zeitpunkt jedoch nicht gekommen. „Es macht mir noch Spaß. Ich will mich bewegen.“

Kurt Müller ist Schiedsrichter mit Leib und Seele. Er bedauert es allerdings, wenn er deswegen Heimspiele seines FSV Zwickau verpasst. So muss er am 21. Oktober, wenn Hansa Rostock im „Schwanennest“ gastiert, bei Blau-Weiß Hartmannsdorf das Kreisklasse-Punktspiel gegen Eintracht Werdau leiten.

Seinen Spitznamen bekam er Anfang der 50er-Jahre von einem Namensvetter verpasst – Kurt Müller aus Marienthal, damals zweiter Torwart der BSG Motor. Weil sich in einer Runde mal drei Müller-Kurts gegenüber saßen und keiner wusste, wer bei der Anrede gemeint war, schlug die Geburtsstunde von „Poldi“. „So hieß ein Inspektor aus einem Kriminalroman von Edgar Wallace“, erinnert sich der 84-Jährige an die Herkunft seines Markenzeichens.

Freie Presse vom 13.10.2018 (Originalartikel von Thomas Croy unter https://www.freiepresse.de/sport/lokalsport/zwickau/poldi-pfeift-sein-4000-spiel-artikel10336343  )